1. Zufall und Wahrscheinlichkeit in der Kunst

Der Begriff Zufall wird umgangssprachlich sehr weit verwendet und reicht von der zufälligen Begegnung über das zufällige Resultat eines Farbspritzers bis zum zufälligen Ergebnis eines Würfelwurfes. In vielen Wissenschaftsbereichen wird der Begriff Zufall im engeren Sinn für Zufallsexperimente mit berechenbaren oder statistisch schätzbaren Wahrscheinlichkeiten der möglichen Ergebnisse verwendet. Es ist sinnvoll, zwei Zufallskonzepte zu unterscheiden, den erratischen Zufall, bei dem Wahrscheinlichkeiten unkalkulierbar sind, und

den probabilistischen oder aleatorischen Zufall, bei dem zwar das einzelne Ereignis nicht berechenbar oder vorhersagbar ist, bei dem aber Wahrscheinlichkeiten berechnet oder angegeben werden können.

Erratischer Zufall

Wenn der erratische Zufall als Technik oder als Konzept eingesetzt wird, so erfolgt meist eine teilweise Steuerung durch den Künstler.

... als Technik

  • Die Farbverläufe bei der Aquarelltechnik sind nur eingeschränkt kontrollierbar und verwenden insofern den ungesteuerten Zufall.  
  • Victor Hugo (1802-1885) verwendete Kleckse, Farbspritzer sowie Verwischungen und zufällige Verläufe von Farbe und Tinte bei der Erstellung von Zeichnungen und Bildern. Weitere frühe Experimente mit dem erratischen Zufall sind die Klecksographien von Justinius Kerner (1786-1862)  und Wilhelm von Kaulbach (1805-1874) sowie die Abklatschbilder von George Sand (1804-1876).
  • Max Ernst (1891-1976) verwendete verschiedene malerische Techniken mit zufälligen Komponenten, unter anderem die Oszillation und die Décalcomanie.
  • Jean Tinguely (1925-1991) nutzte in seiner Werkserie "Méta-matic" die zufälligen Variationen sich  wiederholender Bewegungen einer Maschine zur Produktion von Zufallsbildern.
  • Hermann Nitsch (*1938) produzierte durch Schütten von Farbe so genannte Schüttbilder.
  • Fridhelm Klein (*1938) fertigte seine "Regenbilder" mit Regentropfen, die auf graphitbestäubtes Papier auftreffen. In späteren Werkserien wird Wasser als gestaltendes Element verwendet.    
  • Jackson Pollock (1912-1956) verwendete im Rahmen des Action Painting das Drip-Painting-Verfahren und weitere Spritz- und Kleckstechniken.
  • Hans Kupelwieser (*1948) verwendet zufällige Faltungen und Verformungen bei der Gestaltung dreidimensionaler Objekte. 

... als Konzept

  • Hans Arp (1887-1966) zerriss eine misslungene Zeichnung, warf die Papierfetzen auf den Boden und fixierte diese später im vorgefundenen Zustand auf einem Bogen.
  • Marcel Duchamp (1887-1968) ließ im Jahr 1913, anderen Quellen zufolge im Frühjahr 1914, drei Bindfäden auf eine ebene Fläche fallen und fixierte die zufälligen Fadenverläufe in seinen Bilder "3 Stoppages étalon".
  • Niki de Saint Phalle (1930-2002) schoss im Jahr 1956 für ihre sogenannten "Karabinerbilder" auf in der Bildfläche montierte Farbbehälter.
  • Elise Beutner (*1991) zeigt in der 24-minütigen Videoinstallation "Maswia" 316 monochrome Bilder unterschiedlicher Farben mit unterschiedlich langen Zeiten. Farbe und Länge jeder Bildpräsentation basiert auf erratischem Zufall.

Probabilistischer (aleatorischer) Zufall

Zur Erzeugung des durch Wahrscheinlichkeiten bestimmten und gesteuerten Zufalls kommen im Bereich der Kunst typischerweise zunächst Würfel, Münzen, Lose und Zettelkästen, später auch Zufallszahlentabellen, Zufallszahlengeneratoren und Methoden der Monte-Carlo-Simulation zum Einsatz.

  • Ellsworth Kelly (1923 -2015) erzeugte 1951 in seiner Bilderserie "Spectrum Colors arranged by Chance I to VIII" zufallsgesteuerte Farbverteilungen und dürfte damit der Pionier dieser Richtung sein.
  • François Morellet (1926-2016) begann 1958 damit, Zufallsmechanismen mit zugrundeliegenden Wahrscheinlichkeiten in seiner Werkserie Répartitions aléatoires [zufällige Verteilungen] zu verwenden. 
    • Im Jahr 1958 schuf er die Bilderserie "6 répartitions aléatoires de 4 carrés noirs et blans d'après les chiffres pairs et impairs du nombre Pi" [6 zufällige Verteilungen von 4 schwarzen und weißen Quadraten entsprechend der geraden und ungeraden Ziffern der Zahl Pi]. Morellet verwendete das Auftreten gerader und ungerader Ziffern in der Dezimalbruchentwicklung der Zahl Pi als Ersatz für eine Folge binärer Zufallsereignisse. Die Serie von sechs Bildern (jeweils 80 x 80 cm, Öl auf Holz, Werknr. 58057) ist im Bestand des Centre Pompidou.
    • Das Bild "Répartition aléatoire de 40 000 carrés suivant les chivres pairs et impairs d'un annuaire de téléphone, 50% bleu, 50% rouge" stammt aus dem Jahr 1960. Es ist im Bestand des MoMA unter der Bezeichnung Random Distribution of 40,000 Squares Using the Odd and Even Numbers of a Telephone Directory geführt. Morellet verwendete das Auftreten ungerader und gerader Ziffern auf Telefonbuchseiten zur Erzeugung zufälliger binärer Ereignisse.
    • Aus dem Jahr 1961 stammt das Bild "Répartition aléatoire de 40000 carrés, 50 % noir, 50 % blanc" , das auf einem quadratischen Raster von 200 mal 200 Feldern basiert. (Sammlung Etzold, Museum Abteiberg in Mönchengladbach).    
      Im Jahr 2008 verwendete Tauba Auerbach in ihrem Bild "50/50 XVI" ein sehr ähnliches Konzept, vermutlich mit Hilfe eines Zufallszahlengenerators.
  • Karl Otto Götz (1914-2017) alias K.O. Götz verwendete in den Jahren 1959 bis 1961 in seiner Werkgruppe "Statistisch-metrische Modulationen" teils konstruierte, teils zufällige Verteilungen in Rasterbildern. [Beim Aufruf der Seite http://www.ko-götz.de/pages/werke/rasterbilder.html gibt es mit einigen Browsern Probleme mit der UFT-8-Kodierung von "ö" als "%C3%B6".]
  • Herman de Vries  (*1931) verwendete ab 1962 in seiner Werkgruppe der random objectivations [toevalsobjectiveringen] die wahrscheinlichkeitsgesteuerte Zufallsausfalls von Farben.
  • Kenneth Martin (1905-1984)  begann im Jahr 1969 seine Werkgruppe chance and order unter Verwendung von Zufallszahlen.
  • Gerhard Richter (*1932) verwendete mehrmals Zufallskonzepte.
    • Im Jahr 1971 griff er seine Farbfeldbilder aus den 1960er Jahren wieder auf, wobei er zufällige, durch vorgegebene Wahrscheinlichkeiten gesteuerte Farbverteilungen verwendete, siehe Biographie.
    • 1988 gestaltete er mit demselben Pronzip einen Teppichboden [Muster Nr. 33/ 0621, Rapport von 14 x 19 quadratischen Feldern von etwa 7 cm Seitenlänge mit den sieben Farben gelb, orange, grün, blau, rot, weiß und schwarz. In späteren Jahren in der sogenannten Art Collection der Firma Vorwerk.]
    • Im Jahr 1974 entstand das Bild "4096 Farben" [Werkverzeichnis Nr. 359, 254 x 254 cm, 64 x 64 Quadrate, in Privatsammlung. Ganzseitige Abbildung im Katalog "Gerhard Richter im Albertinum Dresden", Köln 2004, S. 25.].
    • Beim Entwurf und der Realisierung des "Richter-Fensters" im Kölner Dom in den Jahren 2002 bis 2007 stützte sich Richter auf sein oben erwähntes Bild "4096 Farben", siehe Biographie.
    • Im Jahr 2008 schuf er mit Hilfe eines Zufallszahlengenerators den Druck "40.000", der aus 200 x 200 Quadraten besteht [Editions WVZ: 134]. 
  • Viele Vertreter der Konkreten Kunst  (oder konstruktiven Kunst) arbeiten mit Visualisierungen mathematischer Konzepte, einige verwenden wahrscheinlichkeitsbasierte Zufallskonzepte, neben den oben schon genannten Kenneth Martin, François Morellet und Herman de Vries sind dies z. B. Diet Sayler (*1939), Zdeněk Sýkora (1920-2011),  Ryszard Winiarski (1936-2006) und Hans Huwer (*1953).
  • In der Digitalkunst oder programmierten Kunst (algorithmic art)  werden z. B. von Tyler Hobbs, Manfred Mohr (*1938) und Robert B. Lisek Zufallszahlengeneratoren verwendet.
  • Mark Boyle (1934-2005) basierte Werkserien darauf, zufällig auf der Erdoberfläche oder in einem vorgegebenen Gebiet ausgewählte Orte zum Gegenstand von Kunstobjekten zu machen.
  • Der Konzeptkünstler Ecke Bonk (*1953) verwendet Zufallsverfahren beispielweise, um auf der Documenta11 die rund 300 000 Einträge aus dem Grimmschen Deutschen Wörterbuch zu präsentieren [Besprechung in der FAZ].
  • Die Konzeptkünstlerin Grit Ruhland (*1979) dokumentiert in ihrem Projekt "Folgelandschaft" in einem vorgegebenen Gebiet, das durch den Uranbergbau transformiert und geschädigt ist, an einem zufällig ausgewählten Ort mit zufälligem Beginn und zufälliger Dauer in der Manier ethnologischer Feldforschung die Beobachtung von Mensch und Natur sowie die gemessene Radioaktivität. Sie verkoppelt Gegenstand und Methode der Beobachtung, indem die zufälligen Orte und Zeiten durch Zufallszahlen bestimmt sind, die aus den Signalen eines Geiger-Müller-Zählers gewonnen werden, der den zufälligen und durch Wahrscheinlichkeiten quantifizierbaren radioaktiven Zerfall erfasst.
  • Die Zeichnerin Mareike Jacobi (*1985) verwendet ein aleatorisches Formfindungsprinzip für serielle Variationen, z. B. in ihrem Pattern Book (Revolver Publishing, 2020). 

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