Letzte Änderung dieser Seite: 23.10.2021

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Hospitalisierungsrate und Hospitalisierungsinzidenz des RKI

  1. Was ist die Hospitalisierungrate?
  2. Was ist die Hospitalisierungsinzidenz des RKI?
  3. Wie zuverlässig ist die jeweils aktuelle Hospitalisierungsinzidenz des RKI?

  4. Misst die Hospitalisierungsrate die Belastung des Krankenhaussystems durch COVID-19? 

  5. Ist die Hospitalisierungsrate ein Maß für die Gefährlichkeit der aktuellen COVID-19-Infektionen?

1. Was ist die Hospitalisierungsrate?

 

1.1. Die Hospitalisierungsrate (genauer COVID-19-Hospitalisierungsrate bezogen auf 7 Tage) ist die Anzahl der Krankenhausaufnahmen von COVID-19-Erkrankten (Hospitalisierungen) in den letzten 7 Tagen pro 100 000 Einwohner. 

 

1.2. Die Hospitalisierungsrate ​ist erheblich kleiner als die 7-Tage-Inzidenz und weist gegenüber dieser eine durchschnittliche Verzögerung von etwa zehn Tagen auf.

 

1.3. ​Mit einer Änderung des Infektionschutzgesetzes (IfSG) zum 15.9.2021 wurde die Hospitalisierungsrate mit folgender Formulierung in den Gesetzestext (§ 28a Absatz 3 Satz 4) aufgenommen:
"Wesentlicher Maßstab für die weiteren Schutzmaßnahmen ist insbesondere die Anzahl der in Bezug auf die Coronavirus-Krankheit-2019 (COVID-19) in ein Krankenhaus aufgenommenen Personen je 100 000 Einwohner innerhalb von sieben Tagen."
Konkrete Schwellenwerte sind im Infektionschutzgesetz nicht genannt und können durch Landesregierungen in Rechtsverordnungen festgelegt werden. Zugleich wurden Schwellenwerte für die 7-Tage-Inzidenz aus dem Infektionsschutzgesetz gestrichen. Zur Bereitstellung der Daten bestimmt § 28a Absatz 3 Satz 7 IfSG:
"Das Robert Koch-Institut veröffentlicht im Internet unter https://www.rki.de/covid-19-trends werktäglich nach Altersgruppen differenzierte und mindestens auf einzelne Länder und auf das Bundesgebiet bezogene Daten zu Indikatoren nach den Sätzen 4 und 5."

 

1.4. Allerdings veröffentlicht das RKI bis heute in seinen COVID-19-Trends in Deutschland im Überblick unter der im IfSG angegebenen Internetadresse nicht die Hospitalisierungsrate, sondern eine sogenannte Hospitalisierungsinzidenz oder "7-Tage-Inzidenz Hospitalisierungen" (Stand 21.10.2021) .  

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2. Was ist die Hospitalisierungsinzidenz des RKI?

 

2.1. Die Hospitalisierungsinzidenz ist eine Maßzahl, die mit der Hospitalisierungsrate inhaltlich zusammenhängt und vom RKI (Robert Koch-Institut) veröffentlich wird. Sie wird vom RKI auch "7-Tage-Inzidenz Hospitalisierungen" genannt.

 

2.2. Die Besonderheit der Hospitalisierungsinzidenz des RKI im Unterschied zur Hospitalisierungsrate ist, dass ein COVID-19-Hospitalisierungsfall nicht dem Tag der Krankenhausaufnahme, sondern dem Tag zugeordnet wird, an dem der betreffende Infektionsfall dem Gesundheitssystem gemeldet wurde. Die Hospitalisierungsinzidenz ist ein Teil der Inzidenzrate, der durch die später Hospitalisierten gebildet wird.

 

2.3. Die Hospitalisierungsinzidenz ist die Anzahl derjenigen laborbestätigten SARS-COV-2-Infektionen innerhalb der letzten 7 Tage, die zu einer COVID-19-Erkrankung mit Hospitalisierung führen, pro 100 000 Einwohner.

 

2.4. ​Das RKI vermeidet in seinen jeweils montags bis freitags aktualisierten  COVID-19-Trends in Deutschland im Überblick  und in den Situationsberichten (Lageberichten) zu Recht den Begriff Hospitalisierungsrate. In den COVID-19-Trends in Deutschland im Überblick bezeichnet das RKI die Hospitalisierungsinzidenz als "7-Tage-Inzidenz Hospitalisierungen". In der Übersicht zu Beginn jedes Situationsberichts des RKI wird die Hospitalisierungsinzidenz unter der Kopfzeile "7-Tage-Inzidenz" und der Unterzeile "Hospitalisierte gesamt" mit der Ergänzung "Fälle/100.000 EW" angegeben. Der Zusatz "gesamt" bezieht sich darauf, dass das RKI auch eine spezielle Hospitalisierungsinzidenz "Hospitalisierte ab 60 Jahre" ausweist. Im laufenden Text wird die  Hospitalisierungsinzidenz als "7-Tage-Inzidenz der hospitalisierten Fälle" angesprochen. In Tabelle 1 wird die Hospitalisierungsinzidenz  als "Hospitalisierung/100.000 EW" unter der Überschrift "Letzte 7 Tage" bezeichnet.

 

2.5. In der öffentlichen Diskussion und in den Medien wird die Hospitalisierungsinzidenz des RKI häufig als Hospitalisierungsrate bezeichnet oder die Hospitalisierungsinzidenz wird als Hospitalisierungsrate fehlinterpretiert. Beispielsweise meldet der Deuschlandfunk am 30.9.2021  in den 10:00-Nachrichten:
"Die Zahl der in Kliniken aufgenommenen Corona-Patienten je 100.000 Einwohner innerhalb von sieben Tagen gibt das RKI mit 1,6 an."

Diese Formulierung wäre für eine Hospitalisierungsrate zutreffend, nicht aber für das Konzept der Hospitalisierungsinzidenz des RKI. Es wird noch eine Weile dauern, bis sich in den Medien eine Formulierung durchsetzt, die halbwegs exakt beschreibt, was die Hospitalisierungsinzidenz des RKI misst.

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3. Wie zuverlässig ist die aktuelle Hospitalisierungsinzidenz?

 

3.1. Die Hospitalisierungsinzidenz des RKI unterliegt sehr starken Korrekturen durch nachträgliche Meldungen. Dadurch ist die jeweils aktuelle Hospitalisierungsinzidenz sehr unzuverlässig

 

3.1.1. Beispielsweise wurde am 16.8.2021 eine aktuelle Hospitalisierungsinzidenz von 1,01 angegeben, die dann nach und nach auf 1,97 erhöht wurde. Dies ist eine Erhöhung um 95,0%Die letzte Erhöhung erfolgte am 22.10.2021.

 

3.1.2. Am 1.9.2021 wurde eine aktuelle Hospitalisierungsinzidenz von 1,81 angegeben, die dann nach und nach bis auf 3,8 erhöht wurde. Dies ist eine Erhöhung um 109,9%. Die letzte Erhöhung erfolgte am 19.10.2021, also mehr als sechs Wochen nach dem 1.9.2021.

 

3.1.3. Am 16.9.2021 wurde eine aktuelle Hospitalisierungsinzidenz von 1,87 angegeben, die dann nach und nach  auf 3,58 erhöht wurde. Dies ist eine Erhöhung um 91,4%. Die letzte Erhöhung erfolgte am 22.10.2021, also mehr als fünf Wochen nach dem 16.9.2021.

 

3.1.4. Am 1.10.2021 wurde eine aktuelle Hospitalisierungsinzidenz von 1,65 angegeben, die dann nach und nach auf 2,94 erhöht wurde. Dies ist eine Erhöhung um 78,2%. Die letzte Erhöhung erfolgte am 22.10.2021.

 

3.2 Das tatsächliche Niveau der Hospitalisierungsinzidenz ist also etwa doppelt so hoch wie das jeweils aktuell angegebene Niveau und steht auch nach vier Wochen noch nicht fest. Dies liegt einerseits an Meldeverzögerungen und andererseits an dem speziellen Konzept des RKI, einen COVID-19-Hospitalisierungsfall nicht dem Tag der Krankenhausaufnahme, sondern - in der Regel rückwirkend - dem Tag zuzuordnen, an dem der entsprechende Infektionsfall dem Gesundheitssystem gemeldet wurde. Dadurch enthält der aktuelle Wert der Hospitalisierungsinzidenz nur diejenigen COVID-19-Krankenhausaufnahmen, die innerhalb der letzten 7 Tage sowohl einen gemeldetetn positiven Laborwert hatten, als auch ins Krankenhaus eingewiesen wurden.

 

3.3 Es mag aus epidemiologischer Sicht von Interesse sein, zu wissen, an welchem Tag wieviele Infektionen stattfanden, die später zu Krankenhausaufenthalten führten, aber es muss bezweifelt werden, dass die so bestimmte Hospitalisierungsinzidenz, die im Infektionsschutzgesetz (§ 28a Absatz 3 Satz 4) geforderte  "Anzahl der in Bezug auf die Coronavirus-Krankheit-2019 (COVID-19) in ein Krankenhaus aufgenommenen Personen je 100 000 Einwohner innerhalb von sieben Tagen" ist. 

 

3.4 Auch wenn sich nach vier Wochen die Hospitalisierungsinzidenz stabilisiert hat, handelt es sich nicht um die Hospitalisierungsrate, da die einem bestimmten Tag zugeordneten Fälle nicht innerhalb der letzten oder  innerhalb der nächsten 7-Tage hospitalisert wurden, sondern innerhalb eines längeren Zeitraums nach der Erfassung des Falls.

 

3.6 Für die aktuelle Hospitalisierungsrate ist die etwa 10 Tage zurückliegende Hospitalisierungsinzidenz ein besserer Schätzwert als die aktuelle Hospitalisierungsinzidenz. Diese 10 Tage entsprechen der durchschnittlichen Verzögerung zwischen der Meldung des positiven Labortests und dem Tag der Hospitalisierung. Allerdings wird auch die 10 Tage zurückliegende und zwischenzeitlich durch Nachmeldungen erhöhte Hospitalisierungsinzidenz noch unterschätzt und unterliegt weiteren nachträglichen Erhöhungen. Wollte man also die Hospitalisierungsinzidenzen zur Prognose der aktuellen Hospitalisierungsrate verwenden, so wäre neben der geeigneten zeitlichen Verzögerung, von z. B. 10 Tagen, ein Faktor zu berücksichtigen, der die erfahrungsgemäße nachträgliche Erhöhung der Hospitalisierungsinzidenz durch Nachmeldungen berücksichtigt.

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4. Misst die Hospitalisierungsrate die Belastung des Krankenhaussystems durch COVID-19? 

 

4.1. Die Hospitalisierungsrate ist als Maß für die Auslastung des Krankenhaussystems ungeeignet, da sie nur eine Zugangsrate ist, die nichts über die Anzahl oder den Anteil der sich im Bestand des Krankenhaussystems befindlichen COVID-19-Erkrankten aussagt (der Bestand ändert sich durch Zu- und Abgänge). 

 

4.2. Als Maße für die Belastung des Krankenhaussystems durch COVID-19 sind beispielsweise der Anteil der COVID-19-Patienten an allen Krankenhauspatienten und der Anteil der COVID-19-Patienten an den in Krankenhäusern intensiv-medizinisch betreuten Patienten von Interesse. Diese beiden Anteile dürfen nicht mit der Hospitalisierungsrate verwechselt werden, da diese nicht der Anteil der COVID-19-Patienten unter den in Krankenhäusern befindlichen Patienten ist.

 

4.3. Die Hospitalisierungsrate kann als Frühindikator für die zu erwartenden zusätzlichen COVID-19-Patienten in intensiv-medizinischer Behandlung und die zu erwartenden Todesfälle dienen.

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5. Ist die Hospitalisierungsrate ein Maß für die Gefährlichkeit der aktuellen COVID-19-Infektion? 

 

5.1 Als Maße für die Gefährlichkeit der aktuellen COVID-19-Infektionen sind beispielsweise der Anteil der in Krankenhausbehandlung befindlichen COVID-19-Erkrankte an den zurzeit COVID-19-Infizierten und der Anteil der in Krankenhausbehandlung mit intensiv-medizinischer Betreuung befindlichen an den zurzeit COVID-19-Infizierten von Interesse. Diese beiden Quoten dürfen nicht mit der Hospitalisierungsrate verwechselt werden.

 

5.2 Die Hospitalisierungsrate ist nicht der Anteil der Covid-19-Erkrankten, die in ein Krankenhaus aufgenommen wurden, an allen COVID-19-Infizierten oder an allen COVID-19-Fällen.

Eine zunehmende Hospitalisierungsrate bedeutet also zunächst nicht, dass ein zunehmender Anteil der COVID-19-Infizierten in ein Krankenhaus aufgenommen wird, sondern dass ein zunehmender Anteil der Bevölkerung wegen COVID-19 in ein Krankenhaus aufgenommen wird.

 

5.3 Wenn man die Hospitalisierungsinzidenz durch die 7-Tage-Inzidenz dividiert, erhält man den Anteil der COVID-19-Fälle innerhalb von sieben Tagen, die hospitalisiert wurden, an allen COVID-19-Fällen innerhalb von sieben Tagen. Dieser Anteil kann als ein Maß für die Gefährlichkeit der COVID-19-Infektionen gesehen werden.

Datum

Hospitalisierungsinzidenz / 7-Tage-Inzidenz

Quelle

1.10.2021 4,3% (2,94/68,1) [5]

1.9.2021

4,6% (3,8/82,3)

[5]

1.8.2021

4,9% (0,9/18,5)

[5]

1.7.2021

7,2% (0,39/5,4)

[5]

1.1.2021

8,8% (13,62/154,5)

[5]

Der Wert vom 1.10.2021 erhöht sich wahrscheinlich noch durch Nachmeldungen. Die sinkende Tendenz dieses Anteils wird durch die geänderte Alterszusammensetzung und den Anteil der Geimpften beeinflusst. Um zu beurteilen, wie stark der Einfluß der Impfung ist, müssten die Hospitalisierungsinzidenz und die 7-Tage-Inzidenz getrennt für die Gruppen der Geimpften und der Ungeimpften vorliegen.

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© Stefan Huschens